Autorenportrait Benedict Wells: Der lange Weg vom Außenseiter zum Bestsellerautor
Benedict Wells schrieb schon als Jugendlicher eigene Geschichten. Doch sein Durchbruch als Autor ließ länger auf sich warten. Hier ist die ganze Story.
Die Romane von Benedict Wells erzählen von Freundschaft, Verlust, Erwachsenwerden, Einsamkeit und der Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Damit spricht er nicht nur die Coming-of-Age-Fans an, sondern auch Leser*innen, die dem Lebensgefühl der 1980er- und 1990er-Jahre nachsinnen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Musik: Wells setzt immer wieder bekannte Songs ein, um die Gefühle seiner Figuren greifbar zu machen. Zu vielen seiner Romane gibt es deshalb auch passende Spotify-Playlists, die ihre ganz eigene Stimmung unterstreichen.
Doch bis zum Bestsellerautor war es ein steiniger Weg: Im Autorenportrait erfährst du mehr über seine Kindheit und seinen unermüdlichen Willen, trotz zahlloser Absagen als Schriftsteller erfolgreich zu werden. Wir stellen seine preisgekrönten Werke vor und verraten, welches Geheimnis sich hinter seinem Nachnamen verbirgt.
Benedict Wells' Kindheit und Jugend
Benedict Wells wurde am 29. Februar 1984 in München geboren. Schon mit sieben Jahren entwickelte er eine Leidenschaft für Geschichten, die von Katzen handelten oder von den wilden Verfolgungsjagden der Fernsehserie „Das A-Team“ inspiriert waren.
Nach dem Abitur 2003 packte er seine Koffer und zog nach Berlin. Studieren wollte er nicht, stattdessen setzte er alles auf seinen Traum, Schriftsteller zu werden. In seinem späteren autobiografischen Buch „Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben“ blickt er ausführlich auf diese Zeit, seine Familie und die schwierigen Jahre seiner Kindheit zurück.
Mit 19 Jahren schrieb Benedict Wells seinen ersten Roman
Wells startete in Berlin praktisch bei null. Er hatte weder einen Studien- noch Berufsabschluss, kaum Geld und keinen Verlag im Rücken, der ihn mit einem Vorschuss unterstützte. Stattdessen hielt er sich mit verschiedenen Nebenjobs über Wasser und arbeitete zeitweise als freier Fernsehredakteur. In seiner Freizeit arbeitete er weiter an seinen ersten Büchern.
Seinen ersten Roman „Spinner“ schrieb Wells bereits mit 19 Jahren. Das Buch wurde allerdings erst 2009 nach seinem eigentlichen Debüt veröffentlicht. Zahlreiche Manuskripte waren zuvor von Verlagen und Literaturagenturen abgelehnt worden. Diese Jahre des Wartens und Scheiterns wurden später zu einem wichtigen Teil seiner eigenen Schriftstellerbiografie. Wells beschrieb seinen Weg als eine Zeit voller Zweifel, finanzieller Sorgen und immer neuer Versuche. Trotzdem hielt er am Schreiben fest.
Nach vier erfolglosen Jahren kam die Zusage
Ende 2007 kam schließlich die entscheidende Wende: Der Diogenes-Verlag nahm Wells unter Vertrag. Mit gerade einmal 23 Jahren war er damals der jüngste Autor des Hauses. Besonders ungewöhnlich war, dass Diogenes nicht seinen zuerst geschriebenen Roman „Spinner“, sondern „Becks letzter Sommer“ als erstes Buch veröffentlichte.
Der Roman erschien 2008 und machte Wells auf Anhieb in der deutschen Literaturszene bekannt. Im Mittelpunkt steht der Lehrer und Musiker Robert Beck, der sich mit verpassten Chancen, alten Träumen und seinem bisherigen Leben auseinandersetzt. Die Geschichte verbindet Melancholie und Humor mit einem Roadtrip nach Istanbul.
Für „Becks letzter Sommer“ erhielt Wells 2009 den Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur. Der Roman wurde außerdem 2015 unter der Regie von Frieder Wittich verfilmt. Die Tragikomödie sorgte dafür, dass Wells große Aufmerksamkeit für sein Werk erhielt.
Die ersten Romane: „Spinner“ und „Fast genial“
2009 folgte mit „Spinner“ der Roman, den Wells bereits als Teenager geschrieben hatte. Die Geschichte des jungen Jesper Lier ist deutlich von den Unsicherheiten und Extremen des Erwachsenwerdens geprägt. 2016 veröffentlichte Wells eine überarbeitete Fassung des Romans.
Mit „Fast genial“ folgte 2011 sein dritter Roman. Darin erzählt Wells von Francis Dean, einem Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen, der sich auf die Suche nach seinem Vater macht. Der Roman verbindet eine Coming-of-Age-Geschichte mit Roadtrip-Elementen und der Frage, ob ein Mensch seinem vorbestimmten Leben entkommen kann.
„Vom Ende der Einsamkeit“ wird zum Bestseller
Der große Durchbruch kam 2016 mit „Vom Ende der Einsamkeit“. Der Roman erzählt die Lebensgeschichte der Geschwister Jules, Marty und Liz, deren Leben durch den frühen Tod ihrer Eltern aus der Bahn geworfen wird. Über mehrere Jahrzehnte verfolgt Wells ihre Wege und beschäftigt sich dabei mit Verlust, Liebe, Erinnerung und der Frage, wie stark uns unsere Vergangenheit prägt.
„Vom Ende der Einsamkeit“ wurde zu Wells' bis dahin größtem Erfolg. Das Buch stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Für den Roman, an dem er sieben Jahre gearbeitet hat, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Literaturpreis der Europäischen Union 2016, den Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag sowie den Preis „Lieblingsbuch der Unabhängigen“. 2018 folgte der Euregio-Schüler-Literaturpreis.
Zwischen Kurzgeschichten und „Hard Land“
2018 erschien mit „Die Wahrheit über das Lügen: Zehn Geschichten aus zehn Jahren“ erstmals ein Band mit kürzeren Erzählungen, in dem Wells Texte aus unterschiedlichen Schaffensphasen versammelte und damit die Entwicklung seines Schreibens über ein Jahrzehnt hinweg sichtbar machte.
Sein nächster Roman „Hard Land“ wurde 2021 veröffentlicht. Die Geschichte spielt im Jahr 1985 und begleitet den 15-jährigen Sam Turner durch einen Sommer, in dem Freundschaft, erste Liebe, Verlust und das Erwachsenwerden zusammenkommen. Wells verbindet darin ganz bewusst eine Coming-of-Age-Geschichte mit zahlreichen Anspielungen auf große Kinofilme der 1980er-Jahre. Spätestens mit diesem Buchtitel bahnte er sich seinen Weg in die Herzen jener Leser*innen, die Kultfilme wie „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ oder „The Breakfast Club“ vergöttern.
„Hard Land“ wurde ein großer Erfolg und erhielt 2022 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie „Preis der Jugendjury“. Außerdem wurde der Roman zum Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels gewählt.
„Die Geschichten in uns“: Wells erzählt seine eigene Geschichte
2024 veröffentlichte Wells „Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben“. Das Buch ist zugleich autobiografischer Rückblick und Einblick in sein Handwerk als Autor. Wells erzählt darin von seiner Kindheit, den Internatsjahren, den ersten Schreibversuchen, seinen finanziell schwierigen Jahren in Berlin und den zahlreichen Absagen, die seinem Durchbruch vorausgingen.
Dabei geht es nicht nur um seine eigene Biografie. Wells erklärt anhand eigener und fremder Werke, wie Figuren entstehen, warum erste Fassungen oft scheitern und wie aus einer Idee schließlich ein Roman werden kann. Damit ist das Buch auch eine Art Werkstattbericht über seinen Weg zum Schriftsteller.
Mehr als eine Million verkaufte Bücher
Wie erfolgreich sich Wells' Karriere entwickelt hat, zeigt eine besondere Auszeichnung: 2020 erhielt er die „Goldene Diogenes Eule“. Der Diogenes Verlag vergibt diesen Ehrenanstecker an Autor*innen, deren Bücher mehr als eine Million Mal verkauft wurden. 2022 wurde Wells zudem in das PEN-Zentrum Deutschland aufgenommen. Seine Bücher sind mittlerweile international verbreitet und wurden in rund 40 Sprachen übersetzt.
Benedict Wells' wichtigste Werke:
- „Becks letzter Sommer“ (2008)
- „Spinner“ (2009)
- „Fast genial“ (2011)
- „Vom Ende der Einsamkeit“ (2016)
- „Die Wahrheit über das Lügen: Zehn Geschichten aus zehn Jahren“ (2018)
- „Hard Land“ (2021)
- „Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben“ (2024)
Seine Romane sind trotz unterschiedlicher Schauplätze und Themen durch wiederkehrende Motive miteinander verbunden: Freundschaft und Familie spielen ebenso eine Rolle wie Verlust, Einsamkeit, Identität und die schwierige Übergangsphase zwischen Jugend und Erwachsenenleben. Gleichzeitig arbeitet Wells häufig mit Musik, Filmen und Popkultur als emotionale Bezugspunkte.
Funfact: Was hinter dem Namen Wells steckt
Eine besonders ungewöhnliche Geschichte steckt hinter seinem Namen. Benedict Wells wurde ursprünglich als Benedict von Schirach geboren. Er ist der Sohn des Schriftstellers und Sinologen Richard von Schirach, der Bruder der Schriftstellerin und Philosophin Ariadne von Schirach und ein Cousin des Schriftstellers und Juristen Ferdinand von Schirach.
Wells entschied sich nach seiner Schulzeit bewusst dafür, seinen bürgerlichen Nachnamen abzulegen. Mit der offiziellen Namensänderung wollte er sich von der belasteten Geschichte seiner Familie und insbesondere von seinem Großvater Baldur von Schirach distanzieren. Dieser war während der NS-Zeit Reichsjugendführer und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Nürnberger Prozess als Kriegsverbrecher verurteilt.
Den neuen Nachnamen „Wells“ wählte er nicht zufällig. Er ist eine Hommage an Homer Wells, die Hauptfigur aus John Irvings Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ (Originaltitel: „The Cider House Rules“). Der Roman gehört zu den Werken, die Wells als Schriftsteller geprägt haben.
Vom Außenseiter zum Bestsellerautor
Benedict Wells' Karriere ist deshalb bemerkenswert, weil sie nicht dem klassischen Weg in den Literaturbetrieb folgte. Er studierte nicht, arbeitete jahrelang in Nebenjobs und musste zahlreiche Absagen verkraften. Stattdessen setzte er früh auf das Schreiben und blieb diesem Entschluss auch dann treu, als der Erfolg noch nicht absehbar war.
Heute gehört Wells zu den bekanntesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Seine Geschichte vom jungen Mann mit wenig Geld und vielen Manuskripten zum international erfolgreichen Bestsellerautor ist dabei fast selbst eine seiner typischen Geschichten: Es geht um Rückschläge, Beharrlichkeit, Freundschaft, Verlust und letztlich darum, den eigenen Weg zu finden.