„Lennon & McCartney der Kinderbücher“: Julia Donaldson und Axel Scheffler im Portrait
„Der Grüffelo“ ist ein moderner Klassiker. Dahinter steckt das ungleiche Duo Julia Donaldson und Axel Scheffler. Wir beleuchten ihre spannende Geschichte.
Irre: Alle elf Sekunden wird in Großbritannien ein Buch von Julia Donaldson verkauft, die meisten davon gehören zu den gemeinsamen Werken mit Axel Scheffler. Während kinderlose Menschen jetzt wahrscheinlich mit den Achseln zucken, strahlen Kinderaugen und auch die vieler Eltern und Großeltern. Das vom Guardian als „John Lennon und Paul McCartney der Kinderliteratur“ bezeichnete Duo hat allein in Großbritannien mehr als 50 Millionen Bücher verkauft, am bekanntesten ist dabei der 1999 erschaffene „Grüffelo“. Im September 2026 hat die Fortsetzung „Die Grüffelo-Oma“ Rekorde gebrochen und wurde laut Verlag in nur drei Tagen das schnellstverkaufte Kinderbuch aller Zeiten. Wir schauen uns die englische Autorin und den deutschen Illustrator im Portrait an und klären auch, warum ihre Partnerschaft so anders ist, als man das vermuten mag.
Julia Donaldson
Ihre Karriere als Schriftstellerin für Kinder ist randvoll mit Rekorden – in den 2010ern war die sie erfolgreichste britische Schriftstellerin überhaupt, noch vor J. K. Rowling – dabei erschien ihr erstes Buch erst, als sie bereits 44 Jahre alt war.
Julia Donaldson wurde 1948 in London geboren und studierte später Drama und Französisch in Bristol. In den frühen 1970ern verdingte sie sich mit ihrem Mann als Straßenmusikerin in Europa und den USA und schrieb ab 1974 Kinderlieder für die BBC. Dort liegen auch die Wurzeln ihres späteren Erfolgs, schließlich sind alle ihre Bücher in Reimform verfasst und die Texte verfügen meist über eine Art Refrain, ein wiederkehrendes Motiv, das mit dazu beiträgt, dass „Der Grüffelo“ und Co. so gut bei Kindern ankommen und verfangen. Auch die Zusammenarbeit mit Axel Scheffler begann mit einem Lied: 1992 sollte der Song „A Squash and a Squeeze“ (dt. „Mein Haus ist zu eng und zu klein“) als Buch erscheinen. Da derzeit die Reimform aber eigentlich out war, war Scheffler der einzige Illustrator, der den Auftrag annahm. Sicherlich eine der besten Entscheidungen seines Lebens. Seitdem hat Julia Donaldson 30 Millionen Pfund verdient und über 200 Bücher zu verantworten.
Mitte der 1970er studierte Julia Donaldson erneut und arbeitete anschließend für einige Jahre als Lehrerin, bevor sie wieder bei der BBC einstieg. Zu dieser Zeit bekam sie mit ihrem Mann Malcolm drei Söhne.
Nach dem Erscheinen ihres ersten Buches und vor allem nach Erscheinen des „Grüffelo“, widmete sie sich ganz dem Schreiben und damit verwandter karitativer Zwecke.
Privat war ihr das Glück nicht so hold. Die heute 78-Jährige verlor bereits 2003 ihren 25-jährigen Sohn Hamish. 2024 verstarb ihr Mann, der Kinderarzt Malcolm Donaldson, infolge einer Krebserkrankung. Julia selbst leidet seit ihren Dreißigern an einer Hörstörung, die das Lippenlesen für sie teilweise unabdingbar macht.
Trotz allem ist sie nach wie vor als Kinderbuchautorin aktiv und erfolgreich. Im Juni 2026 wurde Donaldson in den Ritterstand erhoben.
Axel Scheffler
Der Weg Axel Schefflers verlief deutlich gradliniger. 1957 in Hamburg geboren, studierte er erst Kunstgeschichte, brach das Studium aber mangels Interesse und zugunsten des Zivildienstes ab. 1982 zog es ihn nach England. In Bath begann er ein Grafikstudium, zu dem auch ein längerer Aufenthalt in New York gehörte. Seit 1986 lebt und arbeitet Scheffler in London, zusammen mit seiner Partnerin und einer Tochter.
Viel mehr gibt es über den zurückgezogenen Künstler nicht zu sagen, er hält sich weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Er ist Botschafter für den National Literacy Trust in Großbritannien und Schirmherr des englischen gemeinnützigen Flüchtlingshilfe-Vereins „Three Peas“.
Neben den Büchern mit Julia Donaldson findet man seine unverkennbaren Illustrationen in den Werken zahlreicher weiterer Autor*innen. Am bekanntesten dürfte noch seine eigene Buchreihe „Pip & Posy“ sein, die auch als Trickserie verfilmt wurde.
Das Duo Donaldson & Scheffler
Wenn eine Zusammenarbeit seit über dreißig Jahren andauert und so unfassbar erfolgreich ist, würde man meinen, Julia Donaldson und Axel Scheffler hätten eine ähnlich innige Verbindung und enge Kollaboration wie andere Duos, etwa die schon genannten Lennon und McCartney von den Beatles oder die Film-Haudraufs Bud Spencer und Terence Hill. Doch weit gefehlt! Tatsächlich lernten sich die beiden erst nach der Veröffentlichung ihres ersten gemeinsamen Buches kennen und trafen sich danach vorerst nur äußert selten. Wenn es zur Zusammenarbeit kam, dann zumeist auf Wirken des Verlages.
Scheffler lehnte durchaus auch Texte ab, wenn ihm die Inspiration zur grafischen Umsetzung fehlte. Tatsächlich entstanden Texte und Bilder voneinander separat und wurden ohne Diskussion akzeptiert, wie er berichtet: „Ich glaube, als wir anfingen zusammenzuarbeiten, dachte Julia ziemlich oft: ‚So hatte ich mir die Figur nicht vorgestellt!' Aber das Besondere an Julia ist: Sie hat nie etwas gesagt. Das ist die Abmachung zwischen uns: Julia akzeptiert meine Illustrationen, und ich akzeptiere ihren Text.“
Was nicht heißt, dass sie sich nicht sofort sehr gut verstanden, sonst würde es wohl nicht zu dieser Magie aus Bild und Text kommen, die Kinder seit Generationen verzaubert.
Das Werk
„Der Grüffelo“ und seine Fortsetzungen sind die erfolgreichsten Bücher des Duos, aber auch viele andere sind aus den Buchhandlungen nicht mehr wegzudenken. Zu den bekannten Bilderbüchern gehören „Die Schnecke und der Buckelwal“, „Zogg“, „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ oder „Superwurm“.
Sehr viele dieser Geschichten werden seit 2009 für das Weihnachtsprogramm von ZDF und BBC verfilmt, wobei den Machern das Kunststück gelingt, die Illustrationen und den Charme des Textes wirklich gelungen umzusetzen und ihr Publikum ernst zu nehmen.
Die Bücher erzählen in ihrer liedhaften Form zeitlose, fantastische, emotionale Abenteuer, die keine Geschlechterklischees bedienen wollen oder sich auf vermeintlich kindliche Simplizitäten beschränken. Das macht sie auch für Eltern zum Segen, denn auch beim zwanzigsten Vorlesen kann man noch Gefallen an den Charakteren finden und auf den filigranen Bildern Details entdecken. Das schaffen andere Genregrößen oftmals nicht. Apropos Details: In den meisten gemeinsamen Büchern hat Axel Scheffler einen kleinen Grüffelo versteckt. Viel Spaß beim Suchen!
Die Kritik
Natürlich sorgt der immense Erfolg auch für Unmut. Die Dominanz der Bücher verdrängt kleinere Kinderbuchautor*innen von den Regalplätzen. Gerade in Großbritannien, wo es keine Buchpreisbindung gibt, können Bücher in Großauflagen in Supermärkten und anderswo zu Schleuderpreisen verkauft werden, da bleiben höherpreisige Werke von kleineren Verlagen auf der Strecke. Dieses Problem wird aber vor allem von allen möglichen Prominenten befeuert: Sehr viele fühlen sich berufen, ein Kinderbuch herauszubringen, obwohl ihnen die Eignung fehlt. Aber ihre Namen verkaufen sich und sie greifen die ganze Aufmerksamkeit ab.
Bei Julia Donaldson liegt das etwas anders. Der britische Illustrator Rob Biddulph sagte dazu im Guardian: „Manche Autoren rümpfen ein bisschen die Nase über sie, aber ich glaube, das ist reiner, simpler Neid – weil sie so erfolgreich ist und all den Regalplatz bekommt. Aber das hat einen Grund: Sie ist ein Genie.“
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