Christopher Nolans Odyssee: Das sind die Geschichten hinter dem Film

Christopher Nolans Monumental-Epos „Die Odyssee“ zeigt die Jahrtausende alten Mythen spektakulär wie nie. Doch was sind die Stationen der Reise im Original?

Matt Damon kämpft als Odysseus in Troja.
Quelle: IMAGO / Landmark Media

Mit seinem monumentalen Epos „Die Odyssee“ stellte der walisische Regisseur Christopher Nolan Mitte Juli 2026 einen Rekord auf: Es war sein erfolgreichster Kinostart bisher, in einer an Highlights ungewöhnlich reichen Karriere. Der mit Matt Damon als Odysseus, Anne Hathaway als Penelope und Tom Holland als ihrem Sohn Telemachos besetzte Film zeigt in spektakulären Bildern die Schlacht von Troja und deren Folgen, nämlich das Machtvakuum in Odysseus' Heimat Ithaka und die legendären Irrfahrten des Helden und seiner Mannschaft. Dabei werden einige Orte angelaufen, die die meisten Kinozuschauer in Ansätzen sicherlich kennen, aber machmal eben nicht im Detail. Wir schauen auf die Stationen von Odysseus' Reisen und wie diese im Film von den eigentlichen Mythen aus Homers Heldensaga abweichen.

Die Nymphe Kalypso auf der Insel Ogygia

Kalypso lebt auf der Insel Ogygia.
Quelle: Midjourney

Am Ende der Welt, auf der einsamen Insel Ogygia, strandet Odysseus bei der Nymphe Kalypso. Sieben Jahre hält sie ihn dort fest, verliebt und besitzergreifend, und bietet ihm sogar Unsterblichkeit an, wenn er bei ihr bleibe. Doch Odysseus sehnt sich nach Ithaka und seiner Frau Penelope – jeden Tag sitzt er weinend am Meer. Erst als die Götter eingreifen und Hermes den Befehl zur Freilassung bringt, darf er ein Floß bauen und aufbrechen. Mythologisch verkörpert Kalypso (griechisch „die Verbergende") die Versuchung, das eigene Ziel gegen bequemes Vergessen einzutauschen.

Im Film wird Kalypso von Charlize Theron dargestellt. Auf Hermes wird verzichtet, die Entscheidung zur Abreise auf dem Floß wird getroffen, als Kalypso glaubt, Odysseus wäre innerlich bereit dazu.

Der Kyklop Polyphem

Der Kyklop Polyphem wird von Odysseus überlistet.
Quelle: Midjourney

Auf der Insel der Kyklopen betritt Odysseus mit einigen Gefährten die Höhle des einäugigen Riesen Polyphem, eines Sohnes des Meeresgottes Poseidon. Der Kyklop verschlingt mehrere Männer und sperrt die übrigen ein. Mit einer List entkommt Odysseus: Er macht Polyphem mit Wein betrunken, nennt sich „Niemand" und rammt dem Schlafenden einen glühenden Pfahl ins Auge. Doch beim Abschied prahlt er fatalerweise mit seinem wahren Namen. Polyphem ruft seinen Vater Poseidon an, der Odysseus fortan verfolgt. 

Der im Film vom amerikanischen Pantomimen Bill Irwin dargestellte Kyklop wird dort nicht betrunken gemacht und Odysseus spricht auch nie mit ihm. Der Zorn Poseidons wird dadurch heraufbeschworen, dass Odysseus auf der Flucht dem Einäugigen unnötigerweise einen Pfeil ins Auge schießt.

Die Laistrygonen – Menschenfresser im Hafen

Die Laistrygonen weichen im Film stark vom Mythos ab.
Quelle: Midjourney

Nach weiteren Fahrten erreicht die Flotte das Land der Laistrygonen, eines Volkes riesenhafter Menschenfresser. Was zunächst wie ein sicherer, von hohen Felsen geschützter Hafen wirkt, wird zur Falle: Die Riesen bewerfen die eingelaufenen Schiffe mit gewaltigen Steinbrocken und spießen die Männer wie Fische auf. Von zwölf Schiffen überlebt allein dasjenige, das Odysseus vorsichtshalber außerhalb des Hafens vertäut hatte. Diese Episode markiert den Wendepunkt seines Unglücks: die Flotte ist vernichtet, nur noch ein einziges Schiff mit seiner Mannschaft segelt weiter. Die Laistrygonen stehen für die trügerische Sicherheit, hinter der das Grauen lauert.

Im Film landet Odysseus mit noch drei Schiffen an. Einen Hafen gibt es nicht, nur einen Strand. Der angrenzende Wald sieht irritierend nach einer mitteleuropäischen Monokultur aus und die Menschenfresser treten nicht als solche in Erscheinung, sondern als Kämpfer, die in mittelalterlich anmutenden Rüstungen Jagd auf die Eindringlinge machen.

Kirke auf Aiaia – wenn Männer zu Schweinen werden

Kirke wird von einer gefährlichen Gegnerin zur Verbündeten.
Quelle: Midjourney

Auf der Insel Aiaia lebt die Zauberin Kirke (oft „Zirze“ ausgesprochen, so auch im Film), eine Tochter des Sonnengottes Helios. Sie lockt einen Spähtrupp in ihr Haus, reicht ihnen einen verzauberten Trank und verwandelt die Männer in Schweine. Odysseus zieht mit einem Schutzkraut namens Moly aus, das ihm Hermes gibt, und widersteht dem Zauber. Kirke, überwunden, gibt die Gefährten frei und wird zur Verbündeten. Ein ganzes Jahr bleibt die Mannschaft bei ihr, ehe sie weiterzieht. Die Verwandlung in Schweine ist ein eindrückliches Bild dafür, wie Menschen unter Gier und Trieb ihre Menschlichkeit verlieren.

Die Szene der Umwandlung in Schweine ist sicherlich eine der schrägsten und einprägsamsten im Film. Odysseus widersteht der von der britischen Schauspielerin Samantha Morton dargestellten Hexe im Film allerdings nicht durch ein Zauberkraut, sondern durch Vorsicht und Vorahnung. Auch ist die Verweildauer der Mannschaft auf der Insel nur sehr kurz.

Odysseus im Hades

Odysseus trifft im Hades alte Kameraden.
Quelle: Midjourney

Auf Kirkes Rat unternimmt Odysseus die gefährlichste Reise überhaupt: den Gang in die Unterwelt, das Reich des Hades. Am Rand der Totenwelt gräbt er eine Grube, opfert Tiere und lockt mit deren Blut die Schatten der Verstorbenen herbei. Er befragt den blinden Seher Teiresias nach seinem Schicksal, begegnet der Seele seiner Mutter, gefallenen Kriegern wie Achilleus und Agamemnon. Die Prophezeiung warnt ihn eindringlich vor dem, was noch kommt. 

Im Film ist das weitgehend so umgesetzt. Hier trifft Odysseus aber nicht auf seine Mutter, sondern auf seine alten Kriegsgefährten wie Agamemnon und Sinon (gespielt von Elliot Page).

Skylla und Charybdis – zwischen zwei Übeln

Die Wahl zwischen Skylla und Charybdis ist sprichwörtlich geworden.
Quelle: Midjourney

In einer engen Meeresstraße lauern zwei Ungeheuer, zwischen denen kein sicherer Weg besteht. Skylla, ein sechsköpfiges Monster in einer Felshöhle, schnappt sich von jedem vorbeifahrenden Schiff mehrere Männer. Ihr gegenüber verschlingt Charybdis dreimal täglich das Meerwasser und reißt ganze Schiffe in den Strudel. Odysseus muss die grausame Wahl treffen, näher an Skylla vorbeizusteuern und opfert bewusst sechs Gefährten, um nicht das ganze Schiff zu verlieren. Aus dieser Szene stammt die bis heute geläufige Redewendung, „zwischen Skylla und Charybdis“ zu stecken: die Wahl zwischen zwei gleichermaßen bedrohlichen Übeln. Hier weicht der Film nicht vom Mythos ab.

Der Gesang der Sirenen

die Sirenen bezirzen Seefahrer mit ihrem Gesang.
Quelle: Midjourney

Die Sirenen sind halb Vogel, halb Frau und locken Seefahrer mit einem so betörenden Gesang, dass diese sich willenlos den Klippen entgegensteuern und zugrunde gehen. Wieder folgt Odysseus Kirkes Rat: Er lässt seinen Gefährten die Ohren mit Wachs verstopfen, sich selbst aber am Mast festbinden, denn er will den Gesang hören und dennoch überleben. Als die Musik erklingt, fleht er, losgebunden zu werden, doch die Männer ziehen die Fesseln nur fester. So passiert das Schiff die Sirenen unversehrt. Der Mythos steht für die Verlockung verbotenen Wissens und die Notwendigkeit, sich vor der eigenen Schwäche zu schützen.

Im Film kann Odysseus mit aller Kraft dem Wunsch widerstehen, zu den Sirenen zu schwimmen. Einer seiner Kameraden aber nimmt das Wachs aus den Ohren und ist dem tödlichen Gesang erlegen.

Thrinakia – die Rinder des Sonnengottes

Hunger führt zu tödlicher Verzweiflung auf Thrinakia.
Quelle: Midjourney

Die letzte große Station ist die Insel Thrinakia, auf der die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios weiden. Teiresias und Kirke haben es unmissverständlich gewarnt: Wer diese Tiere antastet, ist verloren. Doch als widrige Winde die Männer festhalten und die Vorräte schwinden, schlachten die hungernden Gefährten die heiligen Rinder, während Odysseus schläft. Die Strafe folgt sofort: Zeus zerschmettert das Schiff mit einem Blitz, alle Gefährten ertrinken. Nur Odysseus überlebt und wird schließlich nach Ogygia gespült, zu Kalypso, wo der Kreis sich schließt. 

Auch hier weicht Nolan nicht von Homers Epos ab und zeigt die Hilflosigkeit des Odysseus gegenüber dem unvermeidlichen Verlust seiner Kameraden.

Das trojanische Pferd ist monumental wie nie zuvor.
Quelle: IMAGO / Landmark Media

Der Film geht knapp drei Stunden und zeigt noch viel mehr mythologische Figuren und Geschichten, die aber in Troja, Sparta und Ithaka stattfinden und nicht auf Odysseus' Reisen. Wie für Nolan charakteristisch, springt er virtuos durch Zeit- und Erzählebenen, ohne aber den Zuschauer zu überfordern. Dabei ist das ganze mythisch, aber nicht märchenhaft und beleuchtet auch Aspekte, die sonst keine Beachtung finden – etwa die Frage, wie es für die Krieger war, tagelang im trojanischen Pferd eingepfercht zu sein.

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