70 Jahre Mosaik: Ein persönlicher Blick auf eine Comic-Legende
Seit 70 Jahren begeistern die Digedags und Abrafaxe Generationen von Lesern. Wie hat es ein DDR-Comic zum Marktführer gebracht?
Ich bin in Berlin, an einem schönen Tag im September. An einer prächtigen Villa im Westend stehen unzählige Menschen vor, mit und hinter mir Schlange. Schuld daran sind drei Kobolde, die mittlerweile so alt sind wie der (mutmaßliche) Altersschnitt der vornehmlich schon sehr lange erwachsenen Wartenden. Wir sind beim Tag der offenen Tür des „Mosaik“. Die einen werden jetzt glänzende Augen bekommen, andere mit der Schulter zucken. Doch so viel sei gesagt: Das Mosaik ist eine Comic-Legende, die diese Bezeichnung auch wirklich verdient. Schauen wir mal, warum.
Ein Comic aus der DDR
Das Mosaik ist die älteste noch erscheinende Comic-Zeitschrift Deutschlands und noch dazu die erfolgreichste. Erstmals erschienen ist sie 1955 in Ost-Berlin, als Gegenmaßnahme zum „Schund und Schmutz“ aus dem Westen. Dabei war man deutlich von Disney beeinflusst – die Namen der drei Hauptprotagonisten Dig, Dag und Digedag haben nicht zufällig einen Anklang von Donald Duck & Co.
Nach einem etwas klamaukigen Start, auch mit reinen Tier-Heften, fand das Magazin bald seine Linie mit spannenden Fortsetzungsgeschichten quer durch die Historie der Welt, angereichtert durch wissenschaftliche Grundlagen und lehrreiche Bezüge.
Den DDR-Kindern die Welt gezeigt
Die Digedags konnten das, was den meisten DDR-Bürgern verwehrt war – sie konnten reisen, wohin sie wollten. Und so nahmen sie ihre damals noch ausschließlich junge Leserschaft mit: durch deutsche Lande und ganz Europa, quer durch Nord- und Mittelamerika, sogar auf ferne Planeten ging es und mehr als einmal in den Orient – wo sie offenbar auch eine Art Heimat hatten, wie bei ihrem Abschied nach 20 Jahren angedeutet wurde. Durch die Digedags hat man den Mississippi erforscht, von toltekischen Schätzen erfahren, die größten Wissenschaftler der Geschichte getroffen und die berühmte orientalische Gastfreundschaft genossen.
Die Hefte wurden akribisch recherchiert, trotz der beschränkten Möglichkeiten ihrer Zeit und versuchter politischer Einflussnahme. Glück für das Kollektiv rund um den Schöpfer und Chef Hannes Hegen war es, dass einer der Kollegen österreichischer Staatbürger war und so von Reisen die hochwertigen Zeichenfarben und sonst unerreichbare Fachbücher besorgen konnte.
Das Mosaik wurde so begehrt, dass es zur Bückware wurde und viele Menschen keine Hefte mehr bekamen. Durch Papiermangel und andere Beschränkungen konnte die Auflage nicht der Nachfrage gerecht werden.
Höhenflug mit neuen Helden
1975 kam es zum Zerwürfnis zwischen Hegen und dem Verlag. Kurzerhand ließ man neue Protagonist*innen entwickeln. Den Digedags nicht unähnlich waren die Abrafaxe. Ebenfalls drei Kobolde auf Abenteuerreise durch die Zeit und Geschichte, aber charakterlich differenzierter als die Vorgänger. Seit 1976 sind bis heute über 600 Hefte entstanden, die Auflagen gingen in den 1980ern in Millionenhöhe!
Lesetipp: Das sind die schönsten DDR-Kinderbücher.
Mosaik vs. Disney – wer gewinnt?
Dann kam die deutsche Wiedervereinigung. Jetzt überflügelte das unvermeidliche Magazin „Micky Maus“ die Auflage des Mosaiks. Das konnte 1990 sowieso nur um ein Haar die Liquidierung vermeiden, die Micky Maus gewann indes fünf Bundesländer voll neuer Leser*innen hinzu und erlebte einen ungeahnten Höhenflug.
Bis 2017: Auf einmal war das Mosaik das meistverkaufte Comicheft in Deutschland – und ist es bis heute. Natürlich betragen die Auflagen (wie bei allen Printmagazinen) nur noch Bruchteile der Höchstzahlen von damals. Aber – auch dank der zehntausenden Dauerabonnenten, die dem Mosaik ein Leben lang treu bleiben – das Mosaik ist unangefochten am Markt und begeistert mittlerweile drei Generationen (in meiner Familie ist es jedenfalls so, auch meine Kinder haben sich anstecken lassen) mit nach wie vor spannenden und lehrreichen Geschichten, angereichert durch einen fundierten Sachteil und eine App mit Zusatzvideos zu jedem Heft. Und das alles als nach wie vor unabhängiger Verlag!
Eine Freundschaft fürs Leben
Zurück zum Tag der offenen Tür. Hier zeigt sich die Zugkraft der Abrafaxe: Jung und alt stehen Schlange, um signierte Grafiken der Zeichner zu bekommen, limitierte Sonderdrucke oder die neuesten Sammelbände und Jahrestassen. Dazu gibt es Vorträge und Gespräche – besonders begehrt die Runde mit dem alleinigen Autor Jens Uwe Schubert. Schon während der Veranstaltung werden von gewinnorientierten Menschen nur zu diesem Anlass erhältliche Kalender und andere Sammlerstücke auf eBay angeboten. Das Mosaik ist auch eine Wertanlage, vor allem Heft 1 von 1955 bringt vierstellige Summen ein.
Was man lieber lassen sollte
Nicht so begehrt dürfte der bisher einzige Filmausflug der Kobolde sein. 2001 erschien „Die Abrafaxe unter schwarzer Flagge“ und wurde ein fulminanter Flop. Zu Recht, muss ich aus persönlicher Sicht sagen, der Film ist nach Schema F geschrieben, mau synchronisiert (weil man Titelsong-Sängerin Nena gleich als Sprecherin mitverpflichtete, was keine gute Idee war) und ein verkrampfter Versuch, die Abrafaxe auf modern zu trimmen. Das ging nicht gut und das brauchen sie auch nicht, sie haben einen zeitlosen Appeal, der mühelos auch heute bei Kindern verfängt und sie noch immer zu lebenslangen Begleitern machen kann.
Auch die aktuelle Web-Serie „Die Rübensteins“, rund um die Familie von Ritter Runkel (dem langjährigsten Begleiter der Digedags), verursacht eher Magenkrämpfe als Lachkrämpfe. Die Digedags als Mittelalter-Influencer braucht wahrlich niemand. Generell geht es nicht nur mir so, ich habe das schon oft auch von anderen gehört: Die Digedags und Abrafaxe sollten einfach keine Stimme haben! Das kann nur enttäuschen, weil jede*r seinen eigenen Sound im Kopf hat. Perfekt sind sie zum Lesen, gepaart mit der eigenen Fantasie. Punkt.
Lesetipp: Von diesen Buchverfilmungen sollte man die Finger lassen.
2025 gab es das große Rundum-Jubiläum: 70 Jahre Digedags, 50 Jahre Abrafaxe, 600 Hefte mit ihnen. Mögen es noch einmal mindestens genauso viele werden.
So, das war ein ganz kleiner Abriss zum Mosaik, dabei könnte man ganze Bücher dazu schreiben. Zum Glück gibt es kluge Menschen, die genau das getan haben. Hier sind ein paar Leseempfehlungen und Links:
- Auf der Mosapedia gibt es eigentlich alles zum Mosaik, perfekt für Detailverliebte.
- Auf der Seite der Abrafaxe kann man sich mit allem eindecken, was das Herz begehrt – auch vom ebenso empfehlenswerten weiblichen Pendant „Anna, Bella & Caramella“.
- Zum Jubiläum 2025 erschien der Mammut-Band „Vom Orient bis zum Nucleon. Die Reiserouten der Digedags“, ein von Kartographen erstellter Atlas rund um die Erde – und darüber hinaus.
- Der Band „Die Geschichte des 'Mosaik' von Hannes Hegen: Eine Comic-Legende in der DDR“ ist ein übersichtlicher Blick hinter die Kulissen.