Drachenpornos, Damentoiletten und Denis Scheck: Wer darf bestimmen, was Literatur ist?
Literaturkritiker Denis Scheck gerät immer öfter selbst in die Kritik, vor allem über seine Verdikte zu weiblicher Literatur. Was steckt dahinter?
Es gibt Sätze, die klingen wie Ohrfeigen. „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit“ ist so einer. Er stammt von Denis Scheck, Deutschlands derzeit bekanntestem Literaturkritiker, und er meint damit Ildikó von Kürthys Bestseller „Alt genug“. In derselben Sendung – der am 29. März 2026 ausgestrahlten Folge von „Druckfrisch“ – kanzelte der 61-Jährige auch Sophie Passmanns neues Buch „Wie kann sie nur?“ ab: „Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins.“ Beide Bücher landeten auf der Rollenrutsche in die Mülltonne, wie das bei „Druckfrisch“ seit über zwanzig Jahren Brauch ist.
Drei Frauen, eine Kritik
Passmann reagierte auf Instagram und nannte den Verriss „sehr böse, aber vor allem sehr sexistisch.“ Scheck habe „die Angewohnheit, Bücher von Frauen, die von weiblichen Lebensthemen handeln, mit einer Arroganz und Herablassung zu behandeln.“ Von Kürthy veröffentlichte am 6. April einen offenen Brief in der Zeit: „Jetzt bin ich endlich alt genug, um so eine Respektlosigkeit, so eine Verachtung der lesenden und schreibenden Frauen nicht mehr kommentarlos hinzunehmen. Was man ignoriert, das toleriert man. Und ich bin echt sauer.“
Dann legte Elke Heidenreich nach – ebenfalls in der Zeit, deutlich weniger diplomatisch. Die ehemalige ZDF-Literaturmoderatorin, die schon seit Jahren mit Denis Scheck Hühnchen zu rupfen hat, fordert schlicht die Absetzung von „Druckfrisch“. Scheck sei ein „merkwürdiger Mann in den aus der Zeit gefallenen Anzügen mit lustigen Einstecktüchlein“, seine Sendung „so sinn- wie stillos. Kulturauftrag sieht anders aus.“ Und dann der Satz, der über den Einzelfall hinausweist: „Seit Langem staune ich über den herablassenden Ton über Bücher von Frauen.“
Die ARD stellt sich vor ihren Kritiker
Die ARD reagiert prompt mit einer Stellungnahme, die das Branchenmagazin Horizont wiedergibt: „In der Sendung ‚Druckfrisch' gibt es keinen Raum für Frauenfeindlichkeit. Der Redaktion ist der große Verdienst von Frauen für die Literatur sehr bewusst.“ Und: „Rückblickend stellt die Redaktion fest, dass der Moderator bei der Liste der behandelten Bücher mehr Autorinnen gelobt als kritisiert hat.“
Scheck selbst erklärte, er bemühe sich seit 23 Jahren „auf engstem Raum um eine ebenso pointierte wie nachvollziehbare Bewertung höchst unterschiedlicher Texte.“ Seine Besprechungen gälten „den Werken, nicht ihren Urhebern oder Lesern. In der Liste der März-Sendung habe ich vier Bücher von Frauen teilweise enthusiastisch gelobt, drei negativ besprochen.“ Auch auf der Leipziger Buchmesse 2026 hat Denis Scheck feministische Literatur vorgestellt.
Vier gelobt, drei verrissen – das klingt nach Ausgewogenheit. Aber die Debatte dreht sich nicht um Statistik. Sie dreht sich um Wortwahl.
„Strunzdumme Drachenpornos“?
Denn wer den aktuellen Streit nur als Einzelfall betrachtet, übersieht, dass Scheck seit Jahren in einem ganz ähnlichen Konflikt steht – mit einer anderen Generation und einem anderen Genre.
Im Juni 2025 bezeichnete er in seiner Dankesrede zum Friedrich-Perthes-Preis des Börsenvereins Rebecca Yarros' Fourth Wing-Reihe als „strunzdumme militaristische Drachenpornos“ und sprach von „Hirnpest in Buchform“. In „Druckfrisch“ hatte er den ersten Band als „dumpfmilitaristische Fantasy“ abgefertigt, über die Selfpublishing-Autorin Marah Woolf geurteilt: „Ihre Romane erscheinen im Eigenverlag – und so lesen sie sich auch.“ Bei den TikTok Book Awards sortierte er Colleen Hoover und Rebecca Yarros von der Shortlist. Die BookTok-Community reagierte mit einem Satz, der die Kluft zusammenfasst: „Er ist keiner von uns.“
Die Genres, die Scheck hier abkanzelt – Romance, Romantasy, Dark Romance –, werden überwiegend von Frauen geschrieben und von Frauen gelesen. Sie haben den deutschen Buchmarkt in den letzten Jahren mit Rekordzahlen belebt: 2024 wurden über 25 Millionen Bücher in Deutschland verkauft, die durch BookTok-Empfehlungen an Reichweite gewonnen hatten – mehr als doppelt so viele wie 2023. Thalia-Chef Ingo Kretzschmar nannte die BookTok-Charts die „Spiegel-Bestseller-Listen von morgen.“
Lesetipp: Alles über Rebecca Yarros.
Die Doppelmoral-Frage
Der Vorwurf, der aus beiden Lagern kommt, sowohl vom literarischen Establishment, als auch von der BookTok-Generation, ist im Kern derselbe: Scheck messe mit zweierlei Maß. Die Autorin Catalina Cudd hat das in einem vielbeachteten Blogbeitrag zugespitzt: Scheck – selbst bekennender Perry-Rhodan-Fan – lasse männlich geprägte Heftromanserie als Einstieg in die Literatur gelten, während Romantasy für ihn „Kitsch und Klischee“ sei. Ihr Fazit: „Weibliche Gefühle – igitt!“
Im Börsenblatt formulierte es eine Kommentatorin ähnlich: „Es geht darum, dass für diese Diskurse immer die gleiche alte Leier der ‚wertlosen Genres‘ – allem voran Romance - gezogen wird. Und komisch, dass das zufällig ein weibliches Genre ist!“
Scheck würde das vermutlich anders sehen. In seiner Perthes-Rede stellte er der Prosa von Yarros eine Drachengeschichte von Franz Kafka gegenüber – nicht um zu demütigen, sondern um zu zeigen, was Sprache kann. Und er hat auch Bücher von Männern in die Tonne befördert – unter anderem landeten Sebastian Fitzek und Paul Coelho in seinem Anti-Kanon.
Wer bestimmt, was Literatur ist?
„Schnatterzone einer Damentoilette“ ist keine literaturkritische Kategorie. „Strunzdumme Drachenpornos“ ebenso wenig. Es sind Formulierungen, die womöglich weniger über die Qualität eines Textes sagen als über die Verachtung für jene, die ihn lesen. Gleichzeitig wäre es zu einfach, Scheck zum Sündenbock einer ganzen Branche zu machen. Heidenreich selbst deutet an, dass das Problem größer ist: „Warum und wann sind wir Feinde geworden, Männer und Frauen?“ Und: „Im Kopf müsste etwas stattfinden.“
Die ARD wird „Druckfrisch“ nicht absetzen. Scheck wird weiter Bücher in die Tonne werfen. Aber die Front, die sich gegen ihn formiert hat, reicht inzwischen von Elke Heidenreich bis TikTok, von der Zeit bis Instagram, von der Bestsellerautorin bis zur BookTok-Creatorin. Und die Frage, die sie alle stellen, wird nicht leiser werden: Wer darf bestimmen, was es wert ist, gelesen zu werden – und mit welchen Worten?
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