„A Clockwork Orange“: Die Unterschiede zwischen Buch und Film

„A Clockwork Orange“ („Uhrwerk Orange“) ist legendär. Wir blicken auf die Unterschiede zwischen Roman und Film und klären die Frage, was der Titel bedeutet.

Alex DeLarge (Malcolm McDowell) wurde durch den Film zur Kultfigur.
Quelle: IMAGO / Ronald Grant

Kaum ein einzelnes Werk dürfte so großen Einfluss auf die Popkultur gehabt haben, wie Anthony Burgess’ dystopischer Roman „Uhrwerk Orange“ (Originaltitel: „A Clockwork Orange“). Das ist zum größten Teil sicherlich auf Stanley Kubricks legendäre Filmversion zurückzuführen, die vor allem visuell bis heute Maßstäbe setzte. Dabei hat sich Kubrick ziemlich nah an die Romanvorlage gehalten, aber auch einige Freiheiten genommen, die bis heute diskutiert werden. Wir schauen uns die wichtigsten Unterschiede zwischen Buch und Film an und beantworten auch die Frage, was der kryptische Titel eigentlich zu bedeuten hat.

Das Buch

Anthony Burgess' „Uhrwerk Orange“ gilt als wegweisende Dystopie.
Quelle: buchpanda.de
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Der britische Schriftsteller Anthony Burghess veröffentlichte 1962 mit „A Clockwork Orange“ seinen größten Erfolg. Bis heute ist das Buch auf Listen der besten Romane aller Zeiten vorn zu finden. Der dystopische Roman erzählt von einer Bande Minderjähriger in einer nahen Zukunft, die hemmungslos ihren Hang zur Gewalt ausleben, ohne einen Hauch von Empathie für ihre Opfer zu empfinden. Ihr Anführer Alex DeLarge wird bei einem Überfall mit tödlicher Folge von seinen Freunden verraten und inhaftiert. Später wird er in ein staatliches Umerziehungsprogramm aufgenommen und binnen kürzester Zeit zur willenlosen Hülle programmiert. Alex wird daraufhin erst von politischen Aktivisten und nach einem Suizidversuch vom Innenminister instrumentalisiert und findet schließlich wieder zu sich selbst zurück.

Die Jugendsprache „Nadsat“

Alex und seine Droogs trinken Moloko Plus in der Milchbar.
Quelle: IMAGO / Capital Pictures

Der Roman ist geprägt von zügellosen Gewaltdarstellungen, politischen Fragestellungen und vor allem vom „Nadsat“, der Sprache der Jugend. Diese ist primär durch russische Entlehnungen geprägt. So sind die Freunde „Droogs“, trinken „Moloko“ (Milch), junge Mädchen werden „Dewotschka“ genannt und auch der wohl bekannteste Begriff „Horrorshow“ ist im Kern russisch: Im Roman steht Horrorshow in etwa für großartig, angelehnt an das russische Wort „хорошо“ (etwa: karascho), das „gut“ bedeutet. Insgesamt nutzt Burgess etwa 200 Nadsat-Begriffe, die man sich beim Lesen selbst erschließen muss. Neue Ausgaben haben zwar ein angehängtes Glossar, doch nimmt das womöglich einen Teil des Reizes des Lesens vorweg. Durch die Erzählung aus Alex’ persönlicher Sicht erschließen sich die Begriffe recht schnell und man gerät in einen tiefen Sog, der einen auch nach dem Lesen nicht loslässt.

Der Film

Stanley Kubrick bei den Dreharbeiten zu „A Clockwork Orange“.
Quelle: IMAGO / Ronald Grant

Im Film finden nur 88 Nadsat-Wörter Verwendung, dazu in wesentlich geringerer Frequenz. Regie-Ikone Stanley Kubrick veröffentlichte seinen Film 1971 und landete damit einen großen kommerziellen und popkulturellen Erfolg. Wie schon das Buch war der Film aufgrund seiner drastischen Gewaltdarstellungen nicht unumstritten. Dabei hat Kubrick manche Szenen aus dem Buch sogar entschärft, wie wir noch sehen werden.

Die einzigartige Bildsprache macht den Streifen bis heute zu einem der wichtigsten und einflussreichsten Filme aller Zeiten. Für Hauptdarsteller Malcolm McDowell war es die Rolle seines Lebens. Kubricks Werk ist bis heute omnipräsent, sei es in zahlreichen Anspielungen bei den „Simpsons“, in Popsongs (wie „Hier kommt Alex“ von den Toten Hosen) oder sogar in der Actionkomödie „Zwei außer Rand und Band“ mit Bud Spencer und Terence Hill.

„Uhrwerk Orange“ – das geheimnisvolle 21. Kapitel

Anthony Burgess war mit dem Filmende unzufrieden.
Quelle: IMAGO / opale.photo

Auch wenn Kubrick sich in vielen Punkten nah an die Vorlage hielt, nahm er sich, auch formatbedingt, ein paar Freiheiten. Der größte Unterschied, der zudem die Deutung der Geschichte umkrempelt, ist das Auslassen des finalen 21. Kapitels. Hier orientierte sich Kubrick an der amerikanischen Buchausgabe, die das Ende ebenso weglässt. Der Film endet damit, dass Alex nach einem Selbstmordversuch die Wirkung der Gehirnwäsche abgeschüttelt hat und sein antisoziales, gewalttätiges Ich zurückkehrt.

Der Roman endet ganz anders: Im etwas nachträglich angehängt wirkenden 21. Kapitel ist Alex mit neuen Droogs unterwegs, verliert aber bald die Lust an ihrem nächtlichen Tun. Spätestens als er einen seiner alten Freunde glücklich verheiratet trifft, wird in ihm das Verlangen nach einem bürgerlichen Familienleben laut. Das Buch endet also eigentlich mit einer optimistischen Note, während der Film eine düstere Zukunft vorzeichnet und dem Protagonisten keine Entwicklung gönnt.

Autor Anthony Burgess sagte dazu: „Das einundzwanzigste Kapitel verleiht dem Roman die Qualität echter Fiktion, einer Kunst, die auf dem Grundsatz beruht, dass Menschen sich verändern. Tatsächlich hat es wenig Sinn, einen Roman zu schreiben, wenn man nicht die Möglichkeit einer moralischen Wandlung oder eines Zuwachses an Weisheit aufzeigen kann, die sich in der oder den Hauptfiguren vollzieht. […] Wenn ein literarisches Werk keinen Wandel zeigt, wenn es lediglich andeutet, dass der menschliche Charakter feststeht, versteinert und unverbesserlich ist, dann hat man das Feld des Romans verlassen und jenes der Fabel oder Allegorie betreten. Die amerikanische oder Kubrick'sche „Orange“ ist eine Fabel, die britische oder weltweite ist ein Roman.“

Weitere Unterschiede zwischen Film und Buch: Die Droogs

Alex' Look im Plattenladen ist näher an der Buchvorlage.
Quelle: IMAGO / Ronald Grant

Kubrick passte ein paar Eigenschaften der Droogs an. Der im Film nicht einmal 16 Jahre alte Alex wird vom zur Drehzeit 27-jährigen Malcolm McDowell gespielt. Der ikonische Look in weiß mit über der Hose getragenen Suspensorien ersetzt die im Buch schwarz gehaltenen Gang-Sachen. In der Plattenladen-Szene kommt Alex’ Mode der Beschreibung im Buch näher. Als Waffe trägt der Roman-Alex ein Rasiermesser bei sich, im Film hat er einen Gehstock mit integriertem Messer. Sein Kinderzimmer entspricht weitgehend der ursprünglichen Schilderung, eine Schlange hat Alex allerdings nur im Film.

Die Mädchen

Apropos Plattenladen-Szene: Hier hat Stanley Kubrick dankenswerterweise eingegriffen. Im Film spricht Alex zwei etwa gleichaltrige Mädchen an und nimmst sie zu sich nachhause, gefolgt von scheinbar einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Anthony Burgess schilderte seinen Protagonisten hier wesentlich düsterer, denn im Buch sind es gerade zehnjährige Mädchen, die er unter Vorwand mitnimmt und in seinem Zimmer vergewaltigt, unter der zynischen Prämisse, wenn sie schon die Schule schwänzten, müssten sie wenigstens eine Lektion fürs Leben lernen.

Das erste Opfer

Alex wird im Ludovico-Programm auf brutale Art resozialisiert.
Quelle: IMAGO / Ronald Grant

Im Film werden die anfänglichen Gewaltexzesse aus der geschilderten Nacht deutlich gerafft. Ein Überfall auf einen Gelehrten und auf ein Geschäft finden nur im Buch statt. Der Angriff auf einen Obdachlosen hat im Film aber eine große Tragweite verliehen bekommen. Denn nach Alex’ „Heilung“ ist es der, der sich mit seinen Kameraden für die frühere Misshandlung rächt, woraufhin Alex von seinen ehemaligen Droogs, die jetzt Polizisten sind, entführt und zusammengeschlagen wird. Im Roman war das anders: Dort geht Alex in die Bibliothek, um Methoden zum Selbstmord zu studieren und wird dort von dem erwähnten Gelehrten erkannt, der wiederum mit den anderen anwesenden alten Menschen zum Rächer wird. Hier wirkt die Filmversion am Ende schlüssiger.

Im Gefängnis

Der zweijährige Gefängnisaufenthalt ist im Film knapp behandelt und man sieht hauptsächlich die Machtspielchen des Gefängniswärters und Szenen mit dem Pfarrer. Im Buch lernen wir außerdem Alex’ Zellengenossen kennen. Und vor allem verübt er einen Mord an einem Neuzugang, der im wesentlichen der Auslöser dafür ist, dass er am Ludovico-Programm teilnimmt, also der Gehirnwäsche zur Resozialisierung. Im Film wird er vom Innenminister bei einem Besuch in der Einrichtung ausgewählt. Während im Buch die ganze Palette der klassischen Musik für die Konditionierung verwendet wird und somit später bei Alex üble Reaktionen auslöst, ist es im Film lediglich Beethovens 9. Synfonie, Alex' Lieblingsmusikwerk.

Mr Alexander

Den starken Julian gibt es im Roman nicht.
Quelle: IMAGO / Everett Collection

Nachdem Alex von seinen Ex-Droogs verprügelt wird, findet er zufällig in einem Haus obdach, das er früher mit der Gang zusammen überfallen hat, woraufhin die Frau des Hauses später verschieden ist. Der Herr des Hauses, Mr. Alexander, ist im Film an den Rollstuhl gefesselt und hat einen muskulösen Freund, der ihn im Alltag unterstützt.

Im Buch fand beides nicht statt. Auch der Auslöser, als Mr. Alexander erkennt, dass er seinem früheren Peiniger Gastfreundschaft gewährt, ist ein anderer: Im Roman redet Alex in einer gestelzten Sprache, die die Erinnerung zurückbringt. Im Film ist es sein Gesang in der Badewanne – durch „Singing in the Rain“ verrät er sich. Mr. Alexander ist übrigens auch Autor eines Buches namens „A Clockwork Orange“. Das kommt im Film nicht vor, im Roman aber wird so der Bezug zum Titel geschaffen. Zur dessen Bedeutung kommen wir jetzt.

Was bedeutet der Titel „A Clockwork Orange“ bzw. „Uhrwerk Orange“?

Selbst das Filmplakat ist ikonisch geworden.
Quelle: IMAGO / Everett Collection

Ursprünglich hat Anthony Burgess 1945 in einer Kneipe den Satz „as queer as a clockwork orange“ (etwa: „so kauzig wie eine Uhrwerk-Orange“) gehört, einer Redensart aus dem Londoner Cockney-Slang, die mit verschiedenen zufälligen Gegenständen abgewandelt wurde. Fasziniert davon beschloss er, „Clockwork Orange“ irgendwann als Buchtitel zu verwenden. Er gab der Phrase dann aber noch eine tiefere Ebene, wie er erklärt: „Ich habe die Verbindung des Organischen, des Lebendigen, des Süßen – mit anderen Worten: des Lebens, der Orange – und des Mechanischen, des Kalten, des Disziplinierten angedeutet. Ich habe sie in dieser Art von Oxymoron zusammengebracht, diesem bittersüßen Wort.“

Es heißt, Burgess habe den Roman in drei Wochen geschrieben. Manchmal braucht man nicht viel Zeit, um etwas für die Ewigkeit zu schaffen.

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