Autorinnenportrait Mary Shelley: Wer war die Frau hinter „Frankenstein“?

Mit „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ schrieb Mary Shelley Literaturgeschichte. Hinter dem Roman steckt eine ebenso faszinierende Autorin.

Mary Shelley gehört zu den Autorinnen, deren Werk bekannter ist als ihr Leben. Viele kennen Frankenstein als Filmfigur oder Buch, doch hinter dem berühmten Roman steht eine Frau, die schon früh von Literatur, Philosophie und gesellschaftlichen Debatten geprägt wurde. Wenn du verstehen möchtest, warum Mary Shelley bis heute fasziniert, lohnt sich der Blick auf beides: auf ihre bewegte Biografie und auf die großen Fragen, die sie in ihren Texten stellte. Wir stellen dir die Autorin vor.

Mary Shelleys Kindheit: zwischen Büchern und großen Ideen

Mary Shelley, damals noch Mary Wollstonecraft Godwin, wurde am 30. August 1797 in London geboren. Ihre Eltern gehörten zu den bekanntesten Denker*innen ihrer Zeit. Die Mutter Mary Wollstonecraft war Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Leider verstarb sie noch am Kindbett nach der Geburt ihrer Tochter. In ihrem bekanntesten Werk „Verteidigung der Rechte der Frau“ (Originaltitel: „A Vindication of the Rights of Woman“) forderte sie bereits 1792 bessere Bildungschancen, wirtschaftliche Selbstständigkeit und politische Teilhabe für Frauen. Marys Vater William Godwin war ebenfalls Schriftsteller und politischer Philosoph. Mit seinem Werk „Politische Justiz“ (Originaltitel: „Enquiry Concerning Political Justice“) gilt er als ein wichtiger früher Vertreter anarchistischer Ideen in England.

So wuchs Mary zwischen Büchern, Schriftsteller*innen und politischen Debatten auf. Ihr Vater achtete auf ihre Bildung und förderte ihr schriftstellerisches Talent. Bereits als Kind schrieb sie eigene Texte. Eines ihrer frühen Werke soll ihr Vater anonym veröffentlicht haben. Sie entwickelte früh eine Leidenschaft fürs Lesen und Schreiben. Für eine junge Frau im frühen 19. Jahrhundert war das ungewöhnlich. Mary Shelley kam aus einem Elternhaus, das große Ideen ernst nahm, aber die literarische Welt ihrer Zeit begegnete Autorinnen oft mit Misstrauen.

Marys große Liebe: Percy Shelley

Mit 16 Jahren verliebte Mary sich in den Dichter Percy Bysshe Shelley, der damals noch verheiratet war. Ab 1814 führten sie eine Liebesbeziehung, nach dem Tod von Percys erster Frau heiratete er Mary Ende 1816. Gemeinsam verließen sie England und führten über Jahre ein für die damalige Zeit wildes und bewegtes Leben. Sie reisten durch mehrere europäische Länder und bewegten sich in literarischen Kreisen, in denen neue politische, gesellschaftliche und künstlerische Ideen verhandelt wurden.

Das Glück war jedoch nicht auf ihrer Seite. Die Shelleys verloren drei ihrer vier Kinder früh, nur ihr Sohn Percy Florence überlebte seine Eltern. 1822 ertrank Percy Bysshe Shelley bei einem Segelunglück. Mary Shelleys Leben war insgesamt nicht nur ungewöhnlich frei und modern für ihre Zeit, sondern auch von schweren Schicksalsschlägen geprägt.

Mary Shelley schuf eine der wichtigsten Figuren der Literaturgeschichte.
Quelle: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive
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Wie der Roman „Frankenstein“ entstand

Im Jahr 1816 verbrachte Mary Shelley gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann Percy, dem Dichter Lord Byron und weiteren Freund*innen einen mehrwöchigen Urlaub am Genfersee. Es war das „Jahr ohne Sommer“, denn der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora hatte das Klima verändert. Die Temperaturen waren außergewöhnlich niedrig und es regnete langanhaltend. Die Gruppe musste daher viel Zeit im Haus verbringen.

Vermutlich aus Langeweile begannen die Urlaubsgäste, sich gegenseitig Gruselgeschichten vorzulesen. Lord Byron schlug einen Schreibwettbewerb vor. Mary nahm teil und entwickelte die Idee eines Wissenschaftlers, der künstliches Leben erschafft und anschließend die Verantwortung für seine Schöpfung nicht übernehmen will. Anregungen kamen dabei auch aus Gesprächen über Wissenschaft, Experimente und die damalige Faszination für Elektrizität und künstlich erzeugte Bewegung.

Aus dieser ersten Vision entstand später „Frankenstein“. Der Roman wurde 1818 veröffentlicht und gilt bis heute als einer der besten Romane des 19. Jahrhunderts. Häufig wird „Frankenstein“ außerdem als einer der ersten Science-Fiction-Romane überhaupt eingeordnet, weil Mary Shelley darin wissenschaftlichen Fortschritt, künstliches Leben und moralische Verantwortung miteinander verbindet. Genau diese Mischung macht das Buch bis heute so wirksam.

Warum „Frankenstein“ so besonders ist

„Frankenstein“ ist nicht nur deshalb berühmt, weil der Roman eine unheimliche Geschichte erzählt. Mary Shelley stellte darin Fragen, die weit über den Schauereffekt hinausgehen: Was darf Wissenschaft? Welche Verantwortung trägt ein Mensch für das, was er erschafft? Und was passiert, wenn ein Wesen ausgestoßen wird, obwohl es nach Nähe und Anerkennung sucht?

Auch deshalb wurde die von Victor Frankenstein erschaffene Kreatur zu einer der bekanntesten fiktiven Figuren überhaupt. Oft wird sie verkürzt als Frankenstein bezeichnet, obwohl das der Name des Wissenschaftlers ist. In der Popkultur wurde aus der Figur später ein Bild des Grauens, primär geprägt durch die filmische Darstellung durch Boris Karloff in den 1930ern. Im Roman selbst ist die Figur jedoch deutlich vielschichtiger: Sie ist nicht nur bedrohlich, sondern auch einsam, verletzt und auf der Suche nach einem Platz in der Welt.

Weil Mary Shelley beim Erscheinen des Romans sehr jung war und als Frau in einer männlich geprägten Literaturwelt schrieb, wurde später immer wieder diskutiert, ob sie „Frankenstein“ wirklich selbst verfasst habe. Diese Zweifel gelten als widerlegt: Mary Shelley ist die Autorin des Romans. Eine computergestützte Stilanalyse von Forschenden der Universität Edinburgh bestätigte 2023 den wissenschaftlichen Konsens. Die Diskussion zeigt aber, wie schwer es Autorinnen ihrer Zeit gemacht wurde, literarische Leistung uneingeschränkt anerkannt zu bekommen.

Mary Shelleys Werk: mehr als nur „Frankenstein“

Heute ist Mary Shelley vor allem wegen „Frankenstein“ bekannt. Doch sie war eine äußerst produktive Autorin und veröffentlichte viele weitere Romane und Erzählungen. Zu ihren wichtigsten Werken zählen:

  • „Valperga“ (1823), eine Geschichte über Macht und Freiheit im mittelalterlichen Italien.
  • „Der letzte Mensch“ (1826), eine Zukunftsvision, in der eine Seuche die gesamte Menschheit bedroht.
  • „Perkin Warbeck“ (1830), ein historischer Roman über einen englischen Thronanwärter.
  • „Lodore“ (1835), ein gesellschaftskritischer Roman über Familie und die Rolle der Frau.
Das gängige Bild von Frankensteins Monster ist geprägt durch Boris Karloff.
Quelle: IMAGO / KHARBINE-TAPABOR

Mary Shelley: Eine Autorin, die ihrer Zeit weit voraus war

Viele Themen, die Mary Shelley in ihren Romanen behandelte, beschäftigen die Menschen bis heute. Wie geht eine Gesellschaft mit einer Seuche um? Was passiert, wenn der technische Fortschritt die Moral überholt? Wie verändert uns Einsamkeit? Und gerade weil sie diese Fragen stellt, wird sie auch heute noch gern gelesen. Viele Leser*innen suchen in ihren Geschichten nach Antworten auf Fragen, die auch die moderne Gesellschaft beschäftigen.

Mary Shelley war ihrer Zeit in mehrfacher Hinsicht voraus. Sie schrieb als junge Frau einen Roman, der bis heute Literatur, Film und Popkultur prägt. Sie verband persönliche Erfahrungen mit großen philosophischen Fragen. Und sie zeigte, dass Geschichten über künstliches Leben, Ausgrenzung und Verantwortung nicht nur unheimlich, sondern auch tief menschlich sein können.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1822 kehrte Mary Shelley nach England zurück. Dort widmete sie sich nicht nur ihrem eigenen Schreiben, sondern setzte sich auch dafür ein, dass die Werke ihres Mannes veröffentlicht wurden. Sie wollte sein literarisches Erbe würdigen und bewahren. Weiterhin kümmerte sie sich um ihren einzigen überlebenden Sohn. In den folgenden Jahren arbeitete sie als Schriftstellerin, Herausgeberin und Versorgerin ihrer Familie weiter. Mary Shelley starb am 1. Februar 1851 im Alter von 53 Jahren in London.

Mary Shelleys Grab liegt in Bournemouth, Großbriannien.
Quelle: IMAGO / Avalon.red
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